|
12. Dezember 2007

Wie tief kann das deutsche Fernsehprogramm sinken? Welche medial inszenierten Aktivitäten sogenannter "Promis", die weder "B", noch "C", ja sogar kaum "Z" Prominete sind, muss man als bundesdeutscher Fernsehzuschauer noch über sich ergehen lassen? Es scheint, als wolle ProSieben mit der Doku Soap - wie Shows dieser Art so schön im Fernsehgenre-Jargon genannt werden - "Das große Promi-Pilgern" nicht nur die Belastungsgrenze der Promis, sondern auch die der Zuschauer testen.
Der Jakobsweg ist kein Spaziergang. Das weiß jeder, der Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" gelesen hat. Und das waren so einige. Bis März 2007 verkauft sich Kerkelings Pilgerbuch 1,4 Millionen Mal und macht es so völlig überraschend zum erfolgreichsten deutschen Sachbuch aller Zeiten. Und den Jakobsweg verstopft es so indirekt mit deutschen Pilgern, die selber nicht so genau wissen, warum sie den Camino laufen, es aber auf den 760 Kilometern nach Santiago de Compostela, wo die meisten nie ankommen werden, rauszufinden hoffen.
Fünf "Stars" stellten sich der Herausforderung, den berühmten Pilgerweg nach Santiago de Compostella zu bewältigen. Mit dabei waren Charlotte "Wer ist das denn?" Engelhardt, Katy "Frauenknast-Effe" Karrenbauer, Ingo "scheinbar Comedian" Naujkos, Oli "P." Petzokat und Claude-Oliver "wer??" Rudolph. Dabei waren sie ganz auf sich alleine gestellt, nur sie, die Natur und das begleitende Fernsehteam.
Es wirkt, als hätte die Redaktion Hape Kerkelings Buch aus dem Regal genommen, einmal beherzt geschüttelt und den Buchstabensalat dann nach dem Zufallsprinzip wieder zusammengefügt.
Die Frage bei dieser Sendung ist weniger, ob die "Promis" die 760 Kilometer lange Strecke, sondern viel mehr, ob der Zuschauer die 60 Minuten lange Sendung übersteht? Auch pseudo-philosophsiche Erkenntnisse, Reflexionen über Leben und Tod, Religion im Allgemeinen und Jesus im Speziellen ("War doch eigentlich ne coole Type", O-Ton Ingo) und umweltbewusste Stänkereien ("Dieses ganzes Pilger-Pack müllt die Welt zu", O-Ton Claude) haben den Unterhaltungswert dieser Sendung nur marginal gehoben.
Charlotte Engelhardt
|
Claude-Oliver Rudolph
|
Ingo Naujoks
|
Katy Karrenbauer
|
Oli Petszokat
|
Na ja, dieses Gespann also sollte nun die ersten Etappen auf dem immer berühmter werdenden Jakobsweg gemeinsam zurücklegen.
Claude-Olivers Gepäck kam nicht am Flughafen an, also ging er mit freiem Oberkörper, aber ohne Rucksack die Etappe, später transportierte das Filmteam seine Siebensachen. Ist ja praktisch so´n Auto, das einem die ganze Zeit beim Wandern hinterher fährt. Und außerdem wollte er unbedingt Erster werden. Darum geht´s ja schließlich beim Pilgern.
Sein Problem: Testosteronüberproduktion. In seinem Männlichkeitsrausch vergleicht er sich mit Clint Eastwood und Mickey Rourke: "Ich bin einfach cool."
Olli P. hat dagegen lieber mit Charlotte geflirtet, alles ganz harmonisch. Im weiteren Verlauf hat Oli P. an irgendeinem Ort einen Verkaufstand von Spieluhren mit unterschiedlichsten Melodien entdeckt. Und was passiert? Oli P. greift sich ausgerechnet die Spieluhr mit "My Way" von Sinatra raus. Wenn das kein Zeichen ist.
Katy Karrenbauer hat es auch so mit Zeichen. Sie ist gern mit sich allein und der Natur, umarmt gerne Bäume, muß häufig flennen wie ein Wasserfall, weil ihr alles so nahe geht, um sich anschließend ´ne Fluppe anzuzünden.
Ingo Naujoks stieß erst später zur Truppe hinzu, Claude-Oliver ging ihm gleich aus dem Wege, weil er meinte, der Ingo sei ein Junkie, und die verkaufen ja sogar ihre eigene Großmutter. Na, das kann ja was werden.
Die Sendung ist natürlich so überflüssig wie ein Kropf, aber da der Hape mit seinem "Ich bin dann mal weg" so erfolgreich war und überhaupt seit Neuestem alle so gerne Wandern oder Nordic-Walken, kann man´s ja mal versuchen. Aber mir hat´s trotzdem gefallen, und so bekam ich eine herausragendes schauspielerische Leistung der Kandidaten zu sehen, während ich selbst mit Chips und Bier auf der Couch herumlümmeln konnte. So hab´ich´s gern. Das war sozusagen eine BigBrother-Trash-Wander-Daily-Soap in Vollendung.
Nochmal ein O-Ton Charlotte: "Wir haben rausgefunden, was die Erleuchtung ist", sagt sie. "Das ist der Sonnenstich, den man sich hier holt."
Man sagt ja, der Jakobsweg kann eine Lösung sein für Menschen, die in einer tiefen Lebenskrise stecken und endlich einmal zu sich selbst finden wollen. Da muß ich sagen, das kann man den Fünfen nur wünschen. Nötig hätten sie es ja.
Am 4. November haben die Promi-Pilger endlich ihr Ziel erreicht. Nach nur 4 Folgen dürfte ProSieben deutlich erleichtert sein, denn das Format floppte total. Um einen größeren Schaden zu vermeiden, wurde das Ganze auf den Sonntagvorabend verschoben.
Schon die erste Folge floppte mit nur 1,35 Millionen Zuschauern ab drei Jahren. Mit Ausschlägen nach oben und unten reichte auch bei der letzten Folge das Quotenmeter nur bis zu 1,35 Millionen Zuschauern. Das sind gerade einmal 4,4 % Marktanteil. Bei der Zielgruppe der 14 bis 49-jährigen gab es einen Marktanteil von 8,8% mit maximal 1,06 Millionen Zuschauern vor der Flimmerkiste.
Für Masochisten gibt es hier noch einen Link: Promi Pilgern




Tags:

