Fazit: Das Papst Event
Der Papst wirkt angespannt, seine Gesichtszüge sind streng, er weiß, in dieser Stunde blickt die katholische Welt auf ihn. Tiefe Wolken hängen über dem Gelände bei Köln, eine Million junge Leute sind zur Messe versammelt, es ist die vermutlich wichtigste Predigt Benedikts seit seiner Amtseinführung vor vier Monaten. Sechs Tage lang tobte das Spektakel des Weltjugendtages, sechs Tage und Nächte lang zogen die jungen Menschen durch die Straßen Kölns - an diesem Sonntagnachmittag nun musste der Papst ein Schlusswort setzen. Wohl selten hat Joseph Ratzinger vor einer derart schwierigen Aufgabe gestanden.
Papst Benedikt XVI., der brillante Theologe, der scharfe Analytiker, der strenge Deutsche, zögert in Köln keine Sekunde, um sein Zeichen zu setzen. Kaum setzte er zur Predigt an, ist er in den höchsten Höhen der Theologie entschwunden. Von der Hostie ist die Rede, vom Leib und Blut Jesu, die zu Brot und Wein werden, von der Eucharistie (Abendmahl), von der Vereinigung mit Jesus, der das eigentliche Geheimnis des Christenglaubens sei. Das ist der Kern der «Ratzinger Theologie»: Den Blick ganz auf Gott richten, das sei sein Credo, hatte Benedikt schon gleich nach seiner Wahl betont - in Köln predigte er es nun vor dem jungen Glaubensvolk. Hat er sie mit seinem theologischen Tiefgang überfordert?
Eine Predigt wie eine Vorlesung
Joseph Ratzinger, der gelernte Professor, spricht mit leiser Stimme, er spricht von der Macht des Glaubens, der Hass in Liebe umwandelt und den Tod überwindet. Er erklärt die lateinischen und griechischen Ursprünge des Wortes «Anbetung» - streckenweise nimmt seine Predigt Züge einer Vorlesung an. Hochkonzentriert und angestrengt lauschen die eine Million jugendlichen Pilger seinen Worten - rauschende Beifallsstürme, mitreißende Begeisterung des jungen Volkes, wie sie das Markenzeichen der Auftritte von Johannes Paul II. war, bleiben allerdings aus.
Brav und höflich blieb der Beifall. Selbst ein Mitarbeiter der Vatikanzeitung «L'Osservatore Romano» meint etwas ratlos, Jugendliche «wollen doch keine Theologie, sondern dass jemand Zeugnis ablegt». «Ratzinger radikal», meint ein anderer Vatikanist. Der stärkste Applaus der jungen Leute brandet denn auch dann auf, als Benedikt seinen Vorgänger erwähnt. Doch Ratzinger machte durch seinen eigenen Stil unmissverständlich klar, dass er sich absetzt von dem Polen. «Die 12 Apostel waren alle verschieden», meint Kardinals- Staatssekretär Angelo Sodano, die «Nummer zwei» im Vatikan, «jeder hat einen anderen Charakter».
"So etwas kann nur die Kirche"
Sechs Tage Weltjugendtag in Köln - es war ein Spektakel, es war ein Remmidemmi ohnegleichen. Hunderttausende Menschen lagen sich in den Armen, feierten und taten all das, was junge Leute miteinander tun. «Aber es ist kein Pop-Event. Da ist noch etwas, was es nirgendwo anders gibt», meint eine junge Frau mit einem großen Rucksack. Da war der bewegende Samstagabend, eine Vigil, eine Abendandacht unter freien Himmel - das gemeinsame Gebet mit dem Papst wurde zu einem der schönsten Augenblicke. Unzählige Kerzen in den Händen der Gläubige leuchteten wie ein Sternenhimmel. «So etwas kann nur die Kirche», sagt eine begeisterte junge Frau.
Nicht alle Erwartungen des Papstbesuchs wurden erfüllt: Die Rheinfahrt des Pontifex lieferte zwar «starke Bilder», die Rede Benedikts in der Synagoge ließ - nach Meinung mancher Kritiker - manches vermissen und auch die Organisation in Köln war, trotz offiziellen Selbstlobes, streckenweise chaotisch. Richtig Klartext sprach Benedikt vor allem beim Treffen mit den Muslimen. «Pervers und grausam» sei der Terrorismus, es werde nicht leicht sein, sich wirkungsvoll dagegen aufzubäumen. Das war eine dunkle Warnung.
Hoch gehängte Hoffnungen
Und die Langzeitwirkung der «Kölner Mission» Benedikts? Manche in der deutschen Kirche hoffen auf eine Art «Frischzellenkur», hoffen, dass der Papstbesuch mithilft, die Verzagtheit in der Kirche zu überwinden. Angesichts der leeren Kirchenbänke, der Kirchenaustritte und des überalterten Klerus eine reichlich hoch gehängte Hoffnung. Der Jugend zumindest reicht Benedikt ganz am Schluss seiner Predigt die Hand: «Ich weiß, dass Ihr als junge Menschen das Große wollt, dass Ihr Euch einsetzen wollt für ein eine bessere Welt.» Genau dies hatte auch der große Pole Karol Wojtyla immer wieder gesagt - die Jugend dankt es Benedikt mit Applaus.






