Info-Tafel soll anregen, nicht bevormunden
Ehrenmal in BüttgenKunsthistoriker Albiez zum Kriegerdenkmal
Soll das Kriegerdenkmal am Luisenplatz mit einer Informationstafel versehen werden? Ein entsprechender Antrag der Grünen sorgte im jüngsten Kulturausschuss für heftige Diskussionen: Stein des Anstoßes ist ein Textvorschlag, in dem das Ehrenmal als "Zeitzeugnis für die künstlerische Inszenierung nationalsozialistischer NS-Propaganda" bezeichnet wird.
NGZ-Volontärin Vanessa Donner hat darüber mit dem in Büttgen lebenden Kunsthistoriker Markus Albiez gesprochen, der sich mit den Grünen für die Anbringung der Info-Tafel einsetzt.
Kritiker des Vorschlages der Grünen wenden ein, dass ein Denkmal zum Denken anregen solle, und eine Info-Tafel dem Betrachter vorschreiben würde, was er zu denken habe. Was entgegnen Sie dieser Position?
Albiez: Das stimmt nicht, denn gerade eine Info-Tafel kann das Nachdenken über ein Denkmal vertiefen. Aus gutem Grund finden wir bei den meisten Kirchen Informationsschilder zur Entstehungsgeschichte. Am Ehrenmal wäre eine Tafel umso wichtiger, damit klar wird, dass das Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges nicht mit der Bildaussage des Mosaiks vermischt werden soll.
Was sagt das Denkmal am Luisenplatz denn aus?
Albiez: Zunächst erinnert das gesamte Denkmal an ein dreiteiliges Altarbild, wie wir es aus mittelalterlicher Zeit kennen und in unseren Kirchen wieder finden. Zu jener Zeit stellte allerdings die Mitteltafel meist den gekreuzigten Christus dar, die äußeren Flügel erzählten seine Geschichte oder Märtyrerlegenden. Im Falle des Büttgener Ehrenmals zeigt die mittlere Tafel das Mosaik eines Soldaten mit ausgebreiteten Armen, seitlich davon sind die Toten von 1914 bis 1920 aufgezählt.
Was bedeutet diese religiöse Komponente?
Albiez: Der Soldat wird hier als Märtyrer dargestellt, der sich den Bajonetten entgegenwirft und sich für das Vaterland opfert. Diese Interpretation ist für ein Kriegerdenkmal durchaus nachvollziehbar. Hinter dem Kopf geht die goldene Sonne auf, fasst sein Haupt ein wie ein Heiligenschein. Die christliche Ikonographie ist konsequent und mit viel Pathos auf den Soldaten übertragen - das Gedenken an die gefallenen Soldaten wird folgerichtig glorifiziert.
Entspricht die Darstellung in allen Punkten der nationalsozialistischen Kunstauffassung?
Albiez: Inwiefern das Mosaik nationalsozialistische Ideologie widerspiegelt oder die künstlerische Arbeit politisch instrumentalisiert worden ist, müsste differenziert untersucht werden. Da viele ähnliche Denkmale nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört werden mussten, fehlen oft Vergleichsbeispiele. Doch denke ich, dass in Zusammenarbeit mit Historikern eine exakte zeitgeschichtliche Einordnung des Denkmals möglich ist. Mich erinnert in der formalen Darstellung vieles an Kunst unter der NS-Diktatur. Als Kunsthistoriker versuche ich das, was ich sehe, in die entsprechende Zeit einzuordnen und entlang der Faktenlage zu interpretieren.
Ist die verherrlichende Darstellung des Soldatentums denn typisch nationalsozialistisch?
Albiez: Jede Zeit hat ihren eigenen Umgang mit Krieg und Soldatentum. Doch beginnen mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Propaganda, Terror und in der Folge ein neuer Krieg. Da passt es natürlich, an die Helden des Ersten Weltkrieg zu erinnern.
Die Büttgener Schützen lehnen Ihre Interpretation ab, weil sie in dem Denkmal schlicht ein Mahnmal für die Gefallenen der Weltkriege sehen. Trifft das nicht zu?
Albiez: Das Luisendenkmal ist ein Erinnerungsmal für die Gefallenen der Kriege und wird es auch immer bleiben. Trotzdem gilt es, darüber zu sprechen, warum wir heute irritiert sind, wenn wir das Denkmal das erste Mal sehen. Deshalb halte ich eine Informationstafel für sinnvoll.
Das Bild wurde vor Hitlers Machtergreifung nämlich 1927 in Auftrag gegeben. Die Entscheidung für den Entwurf fiel jedoch erst 1933. Hat sich der Künstler für die Inszenierung nationalsozialistischer Propaganda einspannen lassen?
Albiez: Man darf nicht vergessen, dass wir von einer Zeit reden, in der moderne, avantgardistische Kunst nach und nach aus Museen entfernt wurde, und in der Folge die Künstler diffamiert wurden. Kunst unter den Nationalsozialisten wurde für politische Zwecke instrumentalisiert, kritische Kunst gab es nicht. Mit anderen Worten: Die Künstler waren ihrer Freiheit beraubt.
Was würde es denn verändern, wenn eine Info-Tafel am Büttgener Ehrenmal auf diese Umstände hinweisen würde?
Albiez: Der Betrachter hätte die Möglichkeit das Gesehene in den geschichtlichen Kontext einzuordnen.
© ngz-online, Neuss-Grevenbroicher-Zeitung






