Drucken

Das Heilige Land am Niederrhein

Geschrieben von Werner Dohmen (WZ). Veröffentlicht in Vermischtes

Nach Pilgerreisen nach Palästina schuf Pfarrer Gerhard Vynhoven vor 350 Jahren eine Nachbildung der Grabkapelle Jesu in Neersen. Klein Jerusalem war geboren.


Willich. In der Stadt Willich gibt es ein schönes Schloss, zwei beachtliche Herrenhäuser, vier hübsche Kirchen. Doch Hand aufs Herz: Bauwerke dieser Art findet man am Niederrhein häufig. Versteckt hinter hohen Hecken und Bäumen befindet sich aber am Rande des Ortsteils Neersen ein Bauwerk, das in dieser Art, wie Stadtarchivar Udo Holzenthal erklärt, in ganz Deutschland kein zweites Mal zu finden ist: die Kapelle Klein-Jerusalem.

Das Heilige Land an den Niederrhein holen auf diese kuriose Idee musste erst mal jemand kommen. Dieser Jemand war der 1596 geborene Gerhard Vynhoven, Pfarrer in Osterath, Hofkaplan im Dreißigjährigen Krieg bei Reitergeneral Jan van Werth und mehrfacher Pilger nach Jerusalem und Bethlehem. Dort muss der fromme Mann ständig mit dem Skizzenblock unterwegs gewesen sein, denn ins heimatliche Neersen sein Geburtshaus steht nur einen Steinwurf von der Kapelle entfernt brachte er maßstabgerechte Zeichnungen der Geburtsgrotte und der Grabkapelle mit.

Vor 350 Jahren begann Vynhoven dann damit, aus eigenen Mitteln sein Lebenswerk zu verwirklichen: Mit dem Bau der Kapelle Beth-Jerusalem, wie er sie nannte, sollten die heiligen Stätten an den Niederrhein geholt werden, um den vom langen Krieg erschütterten Menschen "die ersten und die letzen Tage des Herren anschaulich vor die Seele zu stellen". Es entstanden präzise Nachbildungen der Geburtsgrotte im Maßstab 1:1 und des Heiligen Grabes im Maßstab 1:2.

Wer nun glaubt, Vynhoven sei nur ein frömmelnder Weltverbesserer gewesen, der vom wahren Leben keine Ahnung hatte, der irrt gewaltig. "Der Mann hatte eine Vision, die er mit großem Gespür für Marketing, wie man heute sagen würde, umgesetzt hat", berichtet Udo Holzenthal. So warb er mit zwei Flugblättern für die fertiggestellte Kapelle, darunter ein "Wegweiser", der den Pilgern zeigte, wie sie Beth-Jerusalem finden konnten.

Die Werbung hatte Erfolg: Schon bald gab es regelmäßige Wallfahrten, es wurden sogar 121 Fälle von wundersamen Heilungen verbürgt. Den Pilgerstrom unterstützten der Kölner Erzbischof und sogar der Papst im fernen Rom, der 1665 allen Besuchern, die an zwölf namentlich genannten Tagen in der Kapelle beteten, einen vollkommenen Ablass gewährte.

Für Udo Holzenthal ist der Bau der Kapelle daher auch ein "Instrument der katholischen Gegenreformation": Innerlichkeit und Frömmigkeit seien mit üppig bunter Symbolik verbunden worden, um der am Niederrhein nach vorne drängenden Reformation etwas entgegenzusetzen. Ob Vynhoven hier bewusst mitmischte oder nur benutzt wurde Holzenthal lässt die Frage offen. "Verdächtig" sei aber, dass der Pfarrer regelmäßig in höchsten Kreisen verkehrte.

Wie auch immer: Die Kapelle blieb auch nach dem Tod ihres Stifters (1674) Wallfahrtsort, musste aber auch einige Krisen überstehen. So wurde nach dem Aussterben der Neersener Grafen von Virmond das Bauwerk lange dem Verfall überlassen. Erst als es 1772 vom Neersener Minoritenkloster "einverleibt" wurde, begann eine zweite Blüte.

Mit den neuen Pilgern kamen jedoch auch Probleme: "Flagellanten", die sich öffentlich zu geißeln pflegten, zogen abends um die Kapelle, weshalb der Aachener Präfekt 1811 sämtliche Wallfahrten nach Neersen verbieten ließ. Der völlige Abriss von Klein-Jerusalem, wie das kleine Gotteshaus mittlerweile genannt wurde, blieb zum Glück nur eine Drohung.

Eine Luftmine im Zweiten Weltkrieg hätte den Abriss im August 1942 fast noch nachgeholt: Die Kapelle und das Geburtshaus Vynhovens wurden schwer beschädigt. Der 1885 gegründete Verschönerungsverein konnte die Schäden aber schon kurz nach Kriegsende beseitigen lassen. Gleichwohl verlor Klein-Jerusalem in den Jahrzehnten danach als Pilgerstätte an Bedeutung. Daran etwas ändern konnte erst wieder ein anderer Verein: die 1981 gegründete Interessengemeinschaft Klein-Jerusalem.

Nicht zuletzt ihrem Einsatz, so lobt Holzenthal, sei es zu verdanken, dass die Zahl der jährlichen Besucher von 500 im Jahr 1985 auf zuletzt 9000 angestiegen ist und im Jubiläumsjahr hofft man darauf, die Grenze von 10 000 Besuchern "knacken" zu können.

Dass die beschauliche Ruhe rund um die Kapelle einem bunten Wallfahrtstreiben weichen könnte, ist wohl trotzdem nicht zu befürchten. Brigitte Vander, Vorsitzende der Interessengemeinschaft, macht sich deswegen jedenfalls keine Sorgen. Sie freut sich vielmehr darüber, dass unter den Besuchern auch immer mehr seien, die wieder aus religiösen Gründen kommen oder hier eine neue Beziehung zu Gott spüren. So wie die Austausch-Schülerin aus Prag, die ins Gästebuch an ihre tote Mutter geschrieben hat: "Mami, ich liebe dich. Ich hoffe, du kannst mich hören."


© wz-online, Westdeutsche Zeitung

Alternativ als pdf: icon Das Heilige Land am Niederrhein (13.97 KB)


Tages Losung

Samstag, 19. Mai 2012
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.
Dass einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? Das sei ferne!

Newsletter abonnieren